Lovely Lotte – I love St. Pauli

Also ich käme ja nicht unbedingt auf die Idee, eine die Straße runter schlendernde Hells Angels Braut blöd anzumachen. So wie: „…der Gehweg is meiner und dein Typ da, der geht jetzt mit mir mit“. Nee, käme mir nicht in den Sinn. Meinem Hund Lotte schon.

Die – gefühlt aus dem Nichts – auf Krawall gebürstete Parson-Dame hat sich wie irr zwei Bullterriern entgegen geworfen und eine läufige Lady mit ihrem Rüden an der Seite angepöbelt. Zwei!! Bullterrier!!!  Der Wahnwitz nahm seinen Lauf, denn die beiden (im Gegensatz zu meinem Hund) angeleinten Muskelpakete hatten grade gar keinen Sinn für Humor.

Das Weibchen packte sein komplettes Gebiss in Lottes Arm. Der – nicht ganz so entschlossene – Rüde neigte sich ihrem Hals entgegen. Lotte schrie wie am Spieß. Mein Mann Alexander („ich habe mich schon als Kind nicht vor Hunden gefürchtet“) warf sich ins Getümmel. Ich grätschte in die Leinen – nur noch entfernt gehalten von einem geschockten Youngster, der das traute Paar ausführte. Alexander riss der Lady die Fänge auf und Lotte war wenigstens noch genug bei Sinnen, um sich kreischend in Sicherheit zu bringen. Alexander hatte einen Hexenschuss…

Ob des Getümmels schoss das Herrchen der beiden Kampfmaschinen aus einer Souterrain-Tür in kurzer Entfernung… Auf dem blutroten T-Shirt des Hünen prangte in großen Lettern: „Grobschlächter“. Er knurrte: „Ohne Leine…“ Mir schien die Zeit für solche Diskussionen grade nicht so günstig. Ich nahm es auf mich:  „Ja, ja, ja, ich bin schuld! Zum Tierarzt, ist jetzt wichtiger.“

Die Sprechstunde war natürlich vorbei, aber wir hatten die Nummer der Tierärztin-Tochter (Strafverteidigerin übrigens). Hatte sie uns mal für den Notfall  gegeben. Keine 10 Minuten später eilte unsere russische Tierärztin frisch blondiert und mit ihrem schwarzen Ratler an der Flexileine schon in OP-Jacke gekleidet um die Ecke.

In so einer Praxis auf St. Pauli wartet dann natürlich kein Assistententeam… Da muss man selbst aufpassen, dass der Tierarzt-Hund zur Bestimmung der Narkosemenge nicht mitgewogen wird – das fett mit Strass besetzte Halsband hätte schon was gewogen… Und zur Hand gehen ist auch angebracht, wenn der Vierbeiner im Metadon-Dusel auf dem Tisch liegt. Jedes der zahlreichen Löcher im Fell wurde gereinigt und mit Salbe behandelt: „Ist für Euter-Entzündungen bei Kühen, hat sich aber großartig bewährt“…

Lotte hatte mal wieder Glück: Kein Knochen, keine Sehne betroffen, nur das Fleisch ein Sieb, ein paar mal tackern und die Tierärztin ist begeistern. Lotte bekommt während der abklingenden Narkose noch schnell ein „Hollywood-Lächeln“ sprich den Zahnstein abgeschrubbt. Eine jämmerliche Woche hat es gedauert, mit Tag und Nacht alle acht Stunden Schmerzmittel in Leberwurst. Dann hat sie den Hebel rumgeworfen und war ganz die Alte. Terrier eben.

PS: Das Herrchen hat sich auch wieder erholt. Die tierärztliche Bewunderung seines selbstlosen Einsatzes hat ordentlich geholfen: “Es gibt ja jetzt wirklich auch schon sehr gute Handchirurgen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.